Die Schattenhüter Chronik - Erstes Buch: Rha'herell


Traum vom Tod


Ein dumpfes Grollen weckte sie. Es war tiefste Nacht, aber durch die geschlossenen Läden drang schwacher Lichtschimmer herein.
Rasch stand sie auf und ging zum Fenster. Als sie es öffnen wollte, entriß eine plötzliche Sturmböe den Laden ihrer Hand und schmetterte ihn laut krachend gegen die Wand. Der erschrockene Aufschrei blieb ihr im Halse stecken, als sie hinaus sah.
Ein Feuerregen ging auf die Stadt herab und Blitze zuckten unaufhörlich über den schwarzen Himmel. Der Donner rollte und wenn die Blitze ein Ziel fanden, wurde dies von ohrenbetäubendem Getöse begleitet.
Wieder hörte sie das dumpfe Grollen. Es war kein Donner, sondern schien von irgendwo weit unten zu kommen.
Mit einer Mischung aus Faszination und Grauen sah sie, wie einige der hohen Türme ins Wanken gerieten und einstürzten. Das Splittern von Stein und Kristall wurde vom Heulen des Sturmes fortgerissen.
Sie wollte schreien, aber noch immer kam kein Laut über ihre Lippen. Sie war unfähig sich zu rühren, obwohl alles in ihr sich sträubte, weiterhin Zeugin dieser Zerstörung zu sein.
Als die Türe zu ihrem Zimmer mit Vehemenz aufgerissen wurde, hatte sie nicht mehr als einen kurzen Blick dafür. Zu sehr nahm sie das Schauspiel draußen gefangen.
Als eine Hand sich auf ihre Schulter legte und sie mit sanftem Druck vom Fenster wegzuziehen suchte, schüttelte sie die Hand mit einer unwilligen Bewegung ab.
Sie wollte an diesem Ort bleiben und nicht in das Chaos und die Zerstörung, die da draußen herrschten, hineingezogen werden.
Ein zweiter Versuch, sie zum mitgehen zu bewegen, wurde ebenso abgewehrt, wie der erste. Sie ignorierte die drängenden Stimmen und ließ sich nicht zur Flucht überreden. Schließlich gaben die anderen auf und ließen sie zurück.
Lange Zeit stand sie noch dort und blickte auf das Drama der Vernichtung ihrer Stadt. Sie bewegte sich nicht, auch nicht, als die Flammen ihr Zimmer erreichten. Erst als sie in einem tosenden Ring aus Flammen stand, konnte sie schreien.

Mit einem entsetzten Aufschrei fuhr Dorwen aus dem Schlaf hoch. Einen Moment meinte sie noch die Hitze der Flammen zu spüren, hörte sie das Knacken und Splittern berstenden Gesteins.
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und versuchte, ihr wie wild pochendes Herz zu beruhigen.
Dorwen ließ sich zurück in die Kissen sinken und atmete tief durch. Es war ein Alptraum, mehr nicht. So etwas passierte gelegentlich, kein Grund zur Aufregung.
Das es der zweite Traum dieser Art war, hatte sicher nicht zu bedeuten, jedoch-
»Aufhören, es reicht!« Dorwen sprach unwillkürlich laut aus, was ihr durch den Kopf ging. Vielleicht konnte das ja die Dämonen vertreiben, die sie im Schlaf heimsuchten und mit diesen Bildern von Tod und&xnbsp; Zerstörung quälten.
Warum träumte sie vom Untergang einer Stadt, die man nur aus Sagen und Legenden kannte? Dhim’herell war ein Mythos, ein Ort aus uralten, längst vergangenen Zeiten. Niemand wußte mehr genau, wo es sich einst befand. Irgendwo hoch im Norden, in der Nähe des Wallgebirges, hieß es. Aber dort gewesen war seit Jahrhunderten niemand mehr.
Vielleicht hatte es auch nie wirklich existiert, sondern war nur eine Illusion. Was auch immer es war, Dorwen hatte genug von diesen Träumen. Möglicherweise lag es nur an Galyns alten Geschichten. Das hatte ihre Phantasie beflügelt und diese Träume hervorgebracht.
Aber du hast erst nach dem ersten Traum von Dhim’herell erfahren... – Nein! Nicht noch mehr solcher Gedanken!
Die leise Stimme in ihrem Kopf ließ sich fürs Erste zum Schweigen bringen, dennoch fand Dorwen den Rest der Nacht nicht mehr viel Schlaf.

© 2006 by M.Höfkes