Die Schattenhüter Chronik - Erstes Buch: Rha'herell


Erstes Kapitel


Das Unwetter tobte seit Tagen mit unnachgiebiger Heftigkeit und zerwühlte die See. Schwere Brecher rollten gegen die Hafenmauern und ließen die in der Bucht vor Anker liegendenden Schiffe wie Nussschalen auf dem Wasser tanzen. Einige der kleineren Boote hatte der Sturm bereits losgerissen und spielte eine Weile mit ihnen, bevor er sie an den Klippen zerschellen ließ. Ein eisiger, mit Hagel vermischter Regen prasselte auf die Dächer, Straßen und Plätze. Die Menschen verriegelten Türen und Fenster und erflehten hilflos den Schutz der Ewigen.

Das Geräusch war leise, kaum wahrnehmbar gegen das Toben des Sturmes, aber es reichte, um die nächtliche Ruhe des Hauses zu stören. Einen Moment lag Dorwen völlig reglos und lauschte konzentriert in die Nacht. Sie hörte die schlurfenden Schritte Iorams, das leichte Quietschen der Türangeln, hörte den eisigen Luftzug, der in die Eingangshalle huschte wie ein ungebetener Gast.
Behutsam schlug sie die Decke beiseite und schob sich vorsichtig an den Bettrand. Dort blieb sie einen Moment sitzen. Was, wenn alles nur Einbildung war? Lohnte es sich wirklich, einer Ahnung nachzugehen, die sich als Hirngespinst entpuppen mochte?
Die kalte Nachtluft ließ sie zittern und riß sie aus ihren Überlegungen. Sie schlüpfte in die warmen Filzpantoffel und griff nach dem Morgenrock. Auf dem Weg zur Tür wickelte sie sich fest in den warmen Wollstoff und lauschte erneut.
Nichts war zu hören, aber Dorwen war sicher, das jemand das Haus betreten hatte. Zu dieser Stunde war es bestimmt kein normaler Besucher, was ausreichte, um ihre Neugier zu wecken.
Die Angeln waren gut geölt, dafür sorgte Dorwen regelmäßig, und so schwang die schwere Holztür fast lautlos auf. Dorwen huschte in den Korridor und schmiegte sich eng an die in Schatten getauchte Wand, als sie die Treppenempore erreichte.
In der Eingangshalle brannte lediglich eine abgeblendete Lampe, und alles war still.
Minutenlang stand Dorwen reglos in den Schatten. Schließlich glaubte sie schon, sich alles doch nur eingebildet zu haben. Gerade als sie im Begriff war, in ihr Zimmer zurückzukehren, hörte sie dann zwei leise Stimmen aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters dringen.
Dorwen beeilte sich, in die Bibliothek zu kommen, denn von dort aus gab es eine Verbindungstür zum Studierzimmer. Sie schlich leise durch den Raum, vorsichtig bedacht, keinen der zahlreichen Bücherstapel umzustoßen.
Als sie die Tür erreichte, trat sie so nahe heran, wie sie wagte, um alles im Nebenraum Gesprochene hören zu können.
Einen Moment regte sich das schlechte Gewissen, ihren Vater und einen Gast einfach so zu belauschen. Aber irgendwie ahnte Dorwen, dass die beiden etwas besprachen, das für sie selbst Bedeutung hatte. Das verdrängte jede Regung von Scham über ihr ungebührliches Verhalten.
Sie konzentrierte sich auf die Unterhaltung im Arbeitszimmer und erkannte eindeutig die Stimme ihres Vaters und die eines Fremden.
Die beiden stritten offenbar und aus den Wortfetzen, die zu ihr drangen, konnte Dorwen heraushören, daß es wirklich um sie ging. Die Neugier ließ sie noch etwas näher an die Tür herantreten.
In diesem Moment näherten sich Schritte, und bevor sie noch zurückweichen und in den Schatten untertauchen konnte, wurde die Tür aufgerissen. In dem Rechteck aus Licht stand ein Fremder, der Dorwen am Arm packte und ins Arbeitszimmer zog.

»Bei den Ewigen, Ganred, der Gildenrat kann mir doch nicht mein einziges Kind nehmen!«
Daian Indoraín schritt unruhig in seinem Studierzimmer auf und ab. Sein Gast saß entspannt in einem Sessel und beobachtete die Wanderung des Handelsherrn mit einer Mischung aus unterdrücktem Mitleid und stillem Ernst.
»Du mußt verstehen, Daian, daß es hier um mehr geht als die Erfüllung eines Vertrages. – Wäre es dir lieber, deine Tochter geriete der Hand in die Fänge? Glaub mir, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, sie empfingen sie mit offenen Armen. Das kann die Gilde nicht zulassen.«
Während Ganred sprach, war Daian vor dem Kamin stehengeblieben und starrte in die Reste der Glut, die noch still vor sich hinglommen. Nun fuhr er herum und stieß hervor: »Unsinn, die Hand würde es nicht wagen! Sie wissen, daß sie es mit der Gilde nicht aufnehmen können. Und solange Dorwen hier bei mir bleibt, ist sie in Sicherheit.«
»All dies sind doch nur Ausflüchte, Daian. Bald ist deine Tochter zu alt, um noch von der Gilde als Schülerin aufgenommen zu werden. Du weißt, was das bedeutet. Man wird sie verheiraten, sobald sie alt genug ist, um Kinder zu gebären, damit sie die Gabe weitergeben kann. Sollte sie sich dann als unbequem erweisen… « Ganred beendet den Satz nicht, aber es war auch gar nicht nötig. Daian wußte, wie die Gilde mit jenen verfuhr, die sich gegen sie stellten.
Der Gildenmeister räusperte sich und fuhr dann fort: »Aber noch ist sie jung genug, um es weit zu bringen, zumal sie ja bereits über einige … Fähigkeiten verfügt, wie du selber berichtet hast. – Der Weiterbestand der Gilde hängt von den Kindern ab. Die alten Familien sterben aus und in einigen von ihnen wird die Gabe bereits nicht mehr in ausreichendem Maß vererbt. Wie kannst du dich hinter fadenscheinigen Ausreden verkriechen und dich weigern deinen Teil zu erfüllen? Wie kannst du der Gilde deine Tochter verweigern?«
Daian hatte sich wieder der Feuerstelle zugewandt und stocherte mit dem Schürhaken in der Asche herum, ohne auf Ganreds Vorwürfe zu reagieren. Endlich drehte er sich mit einem resignierten Seufzer seinem Gast zu.
»Ganred, du weißt, ich würde niemals mein Wort brechen, aber ich habe nur dieses eine Kind. Wer soll denn mein Erbe antreten, wenn nicht sie? Nach dem vorzeitigen Tod meiner Frau-«
»Die Gilde hatte dir drei mögliche Nachfolgerinnen vorgeschlagen, die du alle abgelehnt hast.«
Nun klang kein Mitleid mehr in Ganreds Stimme mit. Er erhob sich geschmeidig, und allein diese Bewegung ließ Daian einen Lidschlag lang seine Muskeln anspannen. Aber er wußte, wie sinnlos ein solches Unterfangen war. Er senkte den Kopf, und seine Schultern sackten herab, als er einlenkte.
»Nun gut, Ganred, du hast gewonnen. Aber lass mich mit Dorwen darüber sprechen. Sie soll nicht glauben, daß ich sie einfach so fortschicke.«
Ganred nickte zum Einverständnis, aber dann sah er plötzlich auf und schien konzentriert zu lauschen. Mit drei raschen Schritten trat er hinter den Schreibtisch, riß die versteckte Tür auf und packte die dahinter stehende Gestalt am Arm.

Dorwen stand im Arbeitszimmer und sah verwirrt von ihrem Vater zu dem Fremden, der sie immer noch festhielt.
»Dorwen! Was machst du mitten in der Nacht hier unten,« fragte ihr Vater engeistert.
Aber bevor sie antworten konnte, ergriff der Fremde das Wort.
»Das ist doch ganz offensichtlich, Daian. Deine Tochter hat unser Gespräch belauscht.«
Der Mann drehte sie zu sich herum und faßte sie scharf ins Auge. »Sprich, Mädchen, was hast du gehört?«
Dorwen schluckte und rang nach Fassung. Irgendwie gelang es ihr, einen Rest von Selbstbeherrschung und Stolz zu bewahren und mit einer energischen Bewegung machte sie sich aus dem harten Griff des Fremden frei. Sie warf ihr Haar zurück und blickte ihn herausfordernd an.
»Ich wüßte nicht, aus welchem Grund ich Euch zu antworten verpflichtet wäre,« sagte sie spitz. »Dies ist das Haus meines Vaters, meint Ihr nicht, die Höflichkeit gebietet dem Gast sich vorzustellen? Im Übrigen bin ich für Euch nicht ein Mädchen, sondern die Herrin Indoraín, so Ihr meinen Namen nicht kennen solltet.«
Noch ein wenig trotzig hatte es vielleicht geklungen, aber alles in allem war sie überzeugt, erwachsen und würdevoll zu wirken.
Ein schwaches Lächeln stahl sich in die Züge des Fremden, als er sich ihrem Vater zuwandte.
»Ich fürchte, in all der Aufregung haben wir es unterlassen, mich deiner Tochter bekannt zu machen, Daian.«
»Ehm, ja, du hast recht. Nun Dorwen, ich darf dir also Ganred vorstellen, seines Zeichens ein Meister der Gilde der Schattenwächter. – Ganred, dies ist meine Tochter Dorwen, Erbin meines Namens und Herrin dieses Hauses.«
Ganred nahm ihre Hand und neigte sich galant darüber. Wer oder was er auch sein mochte, Manieren hatte er zumindest.
»Verzeiht mir, wenn ich Euch erschreckt haben sollte, Herrin Indoraín.« Irrte Dorwen sich, oder funkelte es da spöttisch in seinen Augen?
»Aber Ihr müsst verstehen, daß Euer Vater und ich wichtige Geschäfte besprachen, die nicht für alle Ohren bestimmt sind. Nun also, beantwortet bitte meine Frage. Was habt Ihr gehört?«
Dorwen warf einen raschen Blick zu ihrem Vater, aber da dieser ebenso eine Antwort zu erwarten schien, kam von dort keine Hilfe.
»Gar nichts. Ich habe absolut gar nichts gehört. Außer – meinen Namen.«
»Ihr solltet das Ganze etwas ernster nehmen.« Das Gesicht des Gildenmeisters verfinsterte sich, und Dorwen wich unwillkürlich vor ihm zurück. »Wir haben keine Zeit für Spielchen, also sagt die Wahrheit!«
»Aber das ist die Wahrheit!« Wieder wanderte ihr Blick hilfesuchend zu ihrem Vater.&xnbsp;
»Wirklich, ich konnte von dem, was hier gesagt wurde nichts verstehen. Bis mein Vater meinen Namen nannte. Und kurz darauf habt Ihr die Türe aufgerissen und mich hier hereingezerrt.«
Daian trat neben Ganred und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.
»Wenn meine Tochter sagte, sie habe nicht mehr gehört, dann glaube ich ihr. Sie wurde von mir nicht zur Lügnerin erzogen. Im Übrigen ist es schon spät. Die Reise hierher war sicherlich anstrengend. Ioram wird dir dein Zimmer zeigen und über alles weitere reden wir dann morgen, einverstanden?«
Ganred nickte und als die Anspannung von ihm abfiel, wirkte er auf Dorwen nicht mehr so bedrohlich, sondern nur noch müde und erschöpft.

Ioram führte Ganred zu einem Gästezimmer im ersten Stock ließ ihn dann allein.
Der Raum war großzügig, mit schweren Vorhängen an den Fenstern, dicken Teppichen und einem Kamin, in dem ein munteres Feuer prasselte. Die Möblierung bestand lediglich aus einem Bett, einem Tisch und dazu gehörigem Sessel, allerdings alles aus edlen Materialien gefertigt. Daians Geschäfte liefen offenbar sehr gut.
Auf dem Tisch war ein kaltes Nachtmahl bereitgestellt, und nachdem Ganred seinen Rucksack und den Reisemantel auf das Bett gelegt hatte, griff er hungrig bei den Speisen zu. Während er aß, dachte er über seine Unterredung mit Daian nach und kam zu dem Schluss, daß sie sehr erfolgreich verlaufen war. Als Ganred schließlich zu Bett ging, schlief er ruhig und zum ersten Mal seit Tagen völlig entspannt.

Irgendwann im Laufe der Nacht hatte der Sturm endlich seine Wut ausgetobt. Noch türmten sich Wolkenberge über der Küste, aber der Wind hatte gedreht und eine stetige Landbrise schob die Wolken aufs Meer hinaus.
In den frühen Morgenstunden waren nur wenige Menschen auf den Straßen unterwegs, denn nach dem Wetterumschwung war die Luft klirrend kalt.
Einer der wenigen, deren Geschäfte keinen Aufschub duldeten, war Meister Halar. Der alte Mann eilte so schnell er konnte die gewundenen Straßen zum Merenviertel hinauf. Nicht zum ersten Mal an diesem Morgen verwünschte er seinen Entschluß, persönlich losgegangen zu sein, statt einen Kurier zu schicken.
Endlich erreichte Halar die Merenstraße und das Haus Indoraín. Als er über den kiesgestreuten Weg ging, sah er erleichtert, daß hinter einigen Fenstern des Anwesens bereits Licht brannte.
Es dauerte nicht lange, bis der Hausdiener auf sein Klopfen hin die Tür öffnete.
»Meister Halar!« Die Überraschung Iorams war nicht zu übersehen, aber er faßte sich schnell wieder. Hastig trat er beiseite und bat Halar ins Haus. Er nahm dem Gast den Mantel ab und wies dann auf eine gepolsterte Bank in der Eingangshalle.
»Wenn Ihr einstweilen Platz nehmen wollt. Ich werde den Herrn sofort von Eurer Ankunft unterrichten.«

Daian hatte in der Nacht nicht viel Schlaf gefunden. Seine Gedanken kreisten unablässig um Dorwen und was die Zukunft für sie bereithalten mochte. Als der Morgen graute, war Daian aufgestanden. Im Arbeitszimmer hatte Ioram das Feuer geschürt, die Lampen entzündet und seinem Herrn das Frühstück gebracht.
Daian war in das Studium einiger Karten vertieft, als der Hausdiener den unerwarteten Besucher hereinführte.
Daian sah auf und versteckte seine Besorgnis hinter einem Lächeln, als er den Freund zu begrüßte.
»Fioroll, sei mir willkommen. Hier, setzen wir uns ans Feuer. Du mußt ja völlig durchgefroren sein. – Ioram bring noch einen Becher und eine warme Decke für meinen Gast.«

Mit einem hilflosen Lächeln ließ Fioroll sich in einen bequemen Sessel dirigieren und nahm den Becher mit heißem Tee dankbar entgegen. Nachdem Daian sich ebenfalls gesetzt hatte, hielt Fioroll es für angebracht, über den Grund seines Besuches zu sprechen, doch der Handelsherr kam ihm zuvor.
»So sehr es auch meiner Eitelkeit schmeicheln würde, Fioroll, daß du den Gang durch die Stadt zu so früher Stunde nur auf dich genommen hast, um mir einen Morgenbesuch abzustatten, glaube ich doch, den eigentlichen grund bereits zu kennen. – Du hast also Nachricht von der Flotte?«
Es gelang Fioroll nicht, seine Überraschung zu verbergen. Wie konnte Daian davon wissen? Die Nachricht war noch keine Stunde alt.
»Sei beruhigt, ich kann nicht hellsehen, alter Freund. Aber wie ich bereits sagte, deine Eile und die frühe Stunde sprechen gegen einen Höflichkeitsbesuch. Also, wie schlimm ist es?«
Fioroll trank einen Schluck Tee, bevor er antwortete.
»Das Schlimmste ist eingetreten. Wir haben jeden Kontakt zu den Schiffen verloren. Die Navigatoren antworten nicht und die Sucher haben zuletzt eine große Unruhe verspürt.« Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab, als er fortfuhr: » Daian, ich glaube, daß etwas die Flotte vernichtet hat.«
»Vier große Schiffe werden nicht so einfach vernichtet, Fioroll. Wie sollte das auch möglich sein? Wir leben nicht in Sagen oder Legenden. Aus unseren Meeren tauchen keine Ungeheuer auf, die ein Schiff mit einem Bissen verschlingen können.« Daian versuchte nicht nur Fioroll, sondern auch sich selbst zu beruhigen.
Das die Navigatoren nicht mehr in Kontakt mit den Suchern standen, war alarmierend. Behielt Fioroll recht, und die Schiffe mitsamt ihren Mannschaften und den geladenen Gütern lagen auf dem Grund des Meeres, war das ein schwerer Schlag für die Handelsgilde in Havenjard. Auf diese Reise hatte die Gilde ihre besten Schiffe und die besten Männer als Besatzung geschickt.
Das Knacken eines Holzscheites im Kamin riß Daian aus seinen Überlegungen. Er lehnte sich zurück und musterte Fioroll, der auf seine letzte Äußerung hin nichts erwidert hatte. Offenbar bedrückte den alten Gildenmeister noch etwas, denn er ließ seinen Blick unstet durch den Raum schweifen und saß sichtlich angespannt auf der Vorderkante seines Sessels. Daian kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er nur abwarten mußte, dann rückte Fioroll früher oder später mit dem heraus, was ihn noch beschäftigte.
Einige Zeit saßen die beiden Männer schweigend im dämmrigen Zimmer und hingen ihren Gedanken nach. Fioroll machte mehrmals Anstalten aufzustehen, blieb aber doch sitzen und stellte schließlich mit für ihn uncharakteristischer Heftigkeit den Becher ab.
»Es hilft nichts Daian, es gibt in dieser Angelegenheit mehr, das ich mit dir besprechen muß. Den gesamten Winter über, seit den ersten Gerüchten, bereitet mir das Ganze Sorgen.«
Nun stand er doch auf und ging ein paar unruhige Schritte auf und ab. Endlich blieb er stehen und wandte sich dann abrupt zu Daian um.
»Ich weiß, einige der anderen Gildenmeister hielten mich für verrückt, wenn sie hiervon erführen-«
»Keine Angst, Fioroll, was auch immer es ist, deine Gedanken sind bei mir sicher.«
Daians Beteuerung schien dem anderen zu genügen, denn nachdem er wieder Platz genommen hatte, neigte Fioroll sich zu ihm herüber und sagte leise: »Es geht nicht mehr mit rechten Dingen zu im Nordenland. Ach, was sage ich, vermutlich in ganz Dherrin, wie es den Anschein hat. Das Verschwinden unserer Schiffe ist schlimm genug, aber seit Monaten, genau genommen, seit dem letzten Hetessin, habe ich vermehrt Berichte über ungewöhnliche Vorkommnisse gehört. Zuerst waren es nur vereinzelte Gerüchte, aber mittlerweile... Kurz und gut, ich glaube, die Elemente sind aus dem Gleichgewicht geraten.«
Fioroll schien einen Protest oder zumindest ein herablassendes Lächeln von Daian zu erwarten, aber der Handelsherr schwieg.
»Nun, ehm, also, was ich damit meine, ist folgendes. Wir alle kennen doch die alten Legenden um den Kampf der Elemente mit Dhim’herell. Durch die Dinge die mir zu Ohren gekommen sind, werde ich das Gefühl nicht mehr los, daß die Legenden vielleicht wahr sind. Überlege doch nur, Daian. Eis und Schnee in Havenjard, wo doch sonst ein Winter bei uns hauptsächlich mehr Regen bedeutet. Ich kann mich an keine solche Kälte hier erinnern und ich lebe schon lange Zeit hier. Eisstürme am Ende des Iraít!«
Wieder unterbrach Fioroll sich und fuhr dann noch leiser fort: »Ich habe von einigen Händlern aus dem Norden gehört, daß die Feuerberge des Wallgebirges sich wieder rühren, und daß bereits drei Siedlungen durch Erdbeben zerstört wurden. Man braucht doch nur all diese Ereignisse zusammenfügen und hat alle Elemente versammelt. Das kann wirklich kein Zufall sein!«

Fiorolls Vermutung hatte Daian mehr beunruhigt, als er zugeben konnte. Es war so einfach, so simpel, eine bloße Aneinanderreihung von Fakten, doch Daian hatte gespürt, wie die Kälte einer Ahnung ihm in die Knochen kroch und ihn lähmte. Wer weiß, wie viele Bewohner Havenjards bereits ähnliche Überlegungen anstellten?
Während er den erwartungsvollen Blick Fiorolls auf sich ruhen spürte, suchte er krampfhaft nach den richtigen Worten, um den Alten von weiteren Gedanken dieser Art abzubringen.
Es war gefährlich, Nachforschungen über die Elemente anzustellen. Die Hüter dieses Wissens waren nicht zimperlich, wenn es darum ging, ihre Geheimnisse zu bewahren.
»Nun, alter Freund, ich glaube, du siehst einfach zu schwarz. Erdbeben und harte Winter hat es im Nordenland schon immer gegeben. Die Feuerberge haben sich auch immer wieder geregt. Es wäre sicherlich verfrüht, dort etwas hinein zu interpretieren. Das letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist eine Panik. Allerdings wird gleich morgen der Gildenrat zusammentreten müssen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.«
Auch wenn Fioroll durch Daians Worte nicht restlos überzeugt wirkte, war er einfach zu erschöpft, um zu widersprechen. Also nahm er dankbar das Angebot des Handelsherrn an, sich von Ioram mit dem Wagen nach Hause bringen zu lassen.
Noch lange, nachdem Ioram bereits wieder zurückgekehrt war, saß Daian vor dem Feuer und sah zu, wie die Scheite zu Asche verbrannten.

Ein verhaltenes Klopfen an der Tür ließ Daian aus seinen Grübeleien hoch schrecken.
»Ja, bitte?«
»Ich bin es, darf ich...?« Die Stimme seiner Tochter klang ebenso zögerlich wie zuvor das Klopfen.
»Natürlich, komm bitte herein.«
Daian versuchte, die Sorge und Anspannung aus seiner Stimme zur verbannen. Was seine Tochter jetzt brauchte, war ein Vater voller Ruhe und Zuversicht.
Dorwen hatte auch schlecht geschlafen, das sah er sofort. Sie stand einen Moment unschlüssig in der Tür, dann kam sie zu Daian herüber und gab ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange.
»Guten Morgen, Vater. Ich hoffe, du hast gut geschlafen?«
Die vorgetäuschte Munterkeit seiner Tochter machte Daian betroffen. Normalerweise waren sie ehrlich zueinander, aber ganz plötzlich hatte Dorwen eine Mauer um sich herum aufgebaut. Unwillkürlich mußte Daian sich fragen, wie viel seine Tochter von dem nächtlichen Gespräch mitbekommen hatte, oder sich zusammenreimen konnte. Er räusperte sich unbehaglich und nahm Zuflucht in Förmlichkeiten.
»Dorwen, bitte setz dich. Ich muß mit dir sprechen.«
Er wies auf den Stuhl, der auf der anderen Seite des Schreibtisches stand. Normalerweise saßen dort seine Besucher, Geschäftspartner, Bittsteller - nicht seine Tochter. Aber es kostete Daian einige Überwindung, dieses Gespräch überhaupt zu beginnen. Mit einem räumlichen Abstand, so hoffte er, fiele es ihm wesentlich leichter.
Nachdem Dorwen ohne Fragen zu stellen Platz genommen hatte, entstand eine unangenehme Stille. Erneut räusperte Daian sich und rückte einige Gegenstände auf dem Schreibtisch zurecht. Er vermied es, seiner Tochter in die Augen zu sehen und nach einigen Momenten hatte er sich soweit gefasst, daß er mit seiner Erklärung beginnen konnte.
»Sicherlich hast du dich über unseren … Gast sehr gewundert. Ich wollte es dir schon vor einigen Tagen erzählen, aber die rechte Gelegenheit hat sich einfach nicht eingestellt. In einer Mitteilung der Gilde wurde ich über das Eintreffen eines Meisters informiert und rechnete mit seinem gestrigen Erscheinen.«
Daian unterbrach sich und blickte endlich seine Tochter an, die den Blick stumm erwiderte. Auch wenn sie etwas gehört hatte, folgerte Daian, konnte sie längst nicht alles wissen… Er zwang sich dazu, fortzufahren. Dorwen hatte ein Anrecht darauf, alles von ihm zu erfahren.
»Vor achtzehn Jahren habe ich einen Vertrag mit der Gilde geschlossen, um mich hierher zurückziehen zu können. Dieser Vertrag ermöglichte es mir, hier in Havenjard Fuß zu fassen, und im Gegenzug sollte mein Haus als Freihaus für die Gilde dienen. Zudem willigte ich in die Heirat mit deiner Mutter ein. Die Gilde versucht schon seit langer Zeit, durch arrangierte Ehen bestimmte Fähigkeiten und damit ihre eigene Stärke zu erhalten.
Glücklicherweise kannten deine Mutter und ich uns und fühlten uns recht nah verbunden, so daß unsere Ehe für uns keine reine Verpflichtung blieb.
Im Vertrag mit der Gilde mussten wir zustimmen, daß Zweitgeborene unserer Kinder nach Rha’herell zu schicken, sobald es sein zwölftes Jahr vollendet hatte. Damals erschien es uns als eine lange Zeit, so daß wir uns keine weiteren Gedanken darum machten. Wir wünschten uns beide viele Kinder...«
Einen Moment konnte Daian nicht weiter sprechen, als die Bilder der Vergangenheit vor ihm auftauchten. Er hatte lange nicht mehr darüber nachgedacht und war erstaunt, wie schwer es ihm nun fiel, zu Dorwen darüber zu sprechen. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und atmete tief durch.
Wir konnten nicht ahnen, wie die Ewigen uns strafen würden. Nicht lange nach deiner Geburt erkrankte deine Mutter an einem schweren Fieber, und als sie endlich genas, stellten die Heiler fest, daß sie keine weiteren Kinder bekommen konnte. Wir waren verzweifelt, denn nun warst du unser einziges Kind.
Einige Monate später erkrankte deine Mutter erneut und wir beide blieben allein zurück. Mittlerweile ist mir klar geworden, daß die Gilde ihre Hände mit im Spiel hatte, denn nur wenige Wochen nach dem&xnbsp; Tod deiner Mutter trat die Gilde mit einem neuen Ehevertrag an mich heran. Aber ich lehnte ab, genau wie die beiden folgenden. Damals hielt ich sie einfach nur für gefühllos, aber nun weiß ich, wie grausam sie tatsächlich waren. Der Vertrag war unterzeichnet, und natürlich konnte ich nichts daran ändern. Gleichzeitig hoffte ich, einen Aufschub bis zu Erfüllung erwirken zu können. Dies gelang mir zwei Jahre lang, aber vor einigen Monaten bekam ich eine Nachricht, daß der Rat einen Abgesandten herschicken würde, der für die Erfüllung des Vertrages verantwortlich ist.
Ganred wird dich mit nach Rha’herell nehmen, mit oder ohne meine Zustimmung. Der Vertrag bindet mich an mein Wort, wie es dem Gesetz der Gilde entspricht. Ich werde dich nicht mehr beschützen können.«
Daians Stimme verlor sich in einem Flüstern, und er spürte Schweißperlen auf seiner Stirn. Er hatte die Karten auf den Tisch gelegt und mußte nun darauf vertrauen, daß seine Tochter die richtigen aufnahm.

Dorwen betrachtete ihren Vater und fragte sich, warum sie sich innerlich so leer und leblos fühlte, aber gleichzeitig begann es in ihr zu brodeln. Ihre Eltern hatten das Leben eines ungeborenen Kindes verpfändet – ihr Leben! Wie konnten sie das tun? Mit welchem Recht hatten sie so entschieden?
Ihr Vater vermutete doch selbst, daß die Gilde Anteil am Tod ihrer Mutter hatte. Wie konnte er sie jetzt diesen Mördern ausliefern? Widersetzte sie sich dem Entschluß der Gilde, würde der Tod ihres Vaters über sie kommen und Ganred sie trotzdem mitnehmen. Vor welch eine Wahl wurde sie da gestellt!
Sie wollte ihren Ärger und ihre Wut herausschreien, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Es war, als rückten die Wände des Raumes immer enger zusammen. Sie hielt es nicht mehr länger in diesem Zimmer aus, mit ihrem Vater, der sie mit einer Mischung aus Furcht und Erwartung anblickte.
Sie stand ruckartig auf und ging zur Tür. Im Gehen wandte sie sich ihrem Vater zu und als sie sprach, klang ihre eigene Stimme in ihren Ohren bemüht ruhig: »Ich muß nachdenken, warte nicht auf mich. Ich komme vor der Dämmerung zurück.«
Ohne auf eine Antwort Daians zu warten, eilte sie in die Halle, griff im Vorbeigehen ihren Mantel und verließ das Haus. Es war ihr egal, wohin sie ging. Hauptsache fort von dem Ort, an sie sich immer sicher und geborgen fühlte und der ihr jetzt so trügerisch erschien.

Als Ganred in das Arbeitszimmer trat, saß Daian an seinem Schreibtisch und starrte ins Leere. Ganred war sich nicht sicher, ob der Handelsherr ihn überhaupt bemerkt hatte, bis er nach einer Weile leise zu sprechen begann.
»Ich habe sie verloren, Ganred. Ich habe meine Tochter verloren. Sie wird mir dies nie verzeihen. Ich werde es mir nie verzeihen-« Er unterbrach sich und stützte den Kopf in die Hände.
»Du bist zu streng mit dir, Daian. Deine Tochter braucht ein wenig Zeit, das ist alles. Wenn du gestattest, werde ich heute Abend mit ihr sprechen.« Ganred setzte sich und zog einen dicken, mehrfach gesiegelten Umschlag hervor und legte ihn vor Daian auf den Schreibtisch.
»Dies sind die letzten Berichte und neue Befehle des Rates. Die Entwicklungen in den letzten Monaten waren besorgniserregend und es wurden neue Schritte beschlossen.«
Daian sah auf und griff dann zögerlich nach dem Umschlag. Nachdem er ihn geöffnet hatte, las er eine Weile schweigend. Schließlich warf er den Bericht mit einem leisen Fluch hin und stand auf. Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen und macht seinem Ärger Luft: »Wieso hat man mich nicht bereits vor Monaten über all das informiert? Ich hätte Dorwen völlig unauffällig selbst nach Rha’herell bringen können. Nun kommt eine Reise auf dem Seeweg nicht mehr in Frage! Die letzten Nachrichten der Navigatorengilde sind katastrophal. Sie können keine sichere Passage über das Meer gewährleisten, da sie nicht einmal wissen, was genau passiert ist. Ich werde meine Tochter sicherlich keinem Küstensegler anvertrauen, wenn eine ganze Handelsflotte einfach so verschwunden ist. Ob es dir gefällt oder nicht, ihr werdet auf dem Landweg reisen!«
Es war unmissverständlich, daß Daian in dieser Angelegenheit das letzte Wort behielt. Ganred seufzte, als er an die erneute Verzögerung dachte, aber es war klar, daß er Daian nach den erschreckenden Meldungen der Sucher nicht umstimmen konnte. Er hoffte nur, daß es ihnen gelang, unbemerkt aufzubrechen, denn die Hand hatte ihre Spione überall. Sollte bekannt werden, daß sie beide allein über die Küstenstraßen reisten, mußte er mit einem Hinterhalt rechnen. Keine besonders verlockende Aussicht, aber ihm blieb keine andere Wahl.
»Also gut, ich beuge mich deinem Willen in dieser Sache, Daian. Aber wir müssen rasch aufbrechen, allzu lange dürfen die Vorbereitungen nicht dauern.«
Ein überlegenes Lächeln stahl sich in Daians Gesicht, als er antwortete: »Sei unbesorgt, Ganred. In zwei, spätestens drei Tagen wird alles bereit sein. Du vergisst, ich bin der Vorsteher der Handelsgilde in Havenjard, nicht irgendein kleiner Krämer im Hinterland.«

Dorwen lief ziellos durch die Straßen, und mehr der Zufall, als irgendeine Absicht brachte sie zum zentralen Marktplatz. Auch wenn ein kalter Wind vom Meer wehte, herrschte in der Stadt rege Betriebsamkeit. Zu lange hatte der Sturm die Menschen in den Häusern gehalten. Nun erledigte man seine Einkäufe und, beinahe noch wichtiger, tauschte Neuigkeiten aus. Die halbe Stadt schien sich heute dort versammelt zu haben.
Alle Gespräche drehten sich um den Sturm der letzten Tage und die Auswirkungen des Unwetters.
»Vier Schiffe, einfach verschollen-«&xnbsp;
» - soll die Seeleute verschlungen haben, ein wahres Monster!«
» - die Navigatoren zur Rechenschaft ziehen.«
Die Gerüchteküche brodelte und selbst Dorwen, die solchem Klatsch normalerweise keine Bedeutung beimaß, fühlte sich unbehaglich. Von Seeungeheuern war die Rede, von gewaltigen Wasserstrudeln in denen dutzende Schiffe einfach so versinken konnten. Hin und wieder sprach man hinter vorgehaltener Hand von den Elementen, die außer Kontrolle geraten waren.
Der schnellste und kürzeste Weg nach Rha’herell führte übers Meer und angesichts der verschwundenen Schiffe wusste Dorwen, dass ihr Vater eine solche Fahrt verbieten würde. Möglicherweise ließ die Gilde der Navigatoren keine weiteren Schiffe auslaufen, dann musste Dorwen sich auf eine lange Reise auf der Küstenstraße gefasst machen.
Dorwen ließ sich durch die Menschenmenge treiben und wenn sie ein bekanntes Gesicht entdeckte, grüßte sie rein mechanisch. Zu jeder anderen Zeit hätte sie es genossen, aber heute war ihr das Gewirr auf dem Markt zuwider. Sie machte sich auf den Weg zum Hafen und hoffte, wenigstens dort ein wenig Ruhe und Abgeschiedenheit zu finden. Doch schon einige Zeit, bevor sie auch nur das Hafenviertel erreichte, hörte sie von Ferne das Getöse einer aufgebrachten Menge. Natürlich, die Angehörigen der verschollenen Seeleute wollten von den Navigatoren mehr als nur Gerüchte hören. Keine gute Idee, dorthin zu gehen. Dorwen kehrte um und beschloß dann, zum Inneren Wall zu gehen. Dort fand sie bestimmt ein ruhiges Plätzchen, um ungestört nachdenken zu können.

Einige Stunden war Dorwen ziellos durch die Stadt gelaufen, nachdem es auf dem Inneren Wall vor Kindern gewimmelt hatte, die dort Drachen steigen ließen und spielten. Schließlich wurden ihre Schritte wieder in die Merenstraße gelenkt. Zwar zögerte sie und ging langsam, aber irgendwann an diesem Tag mußte sie wieder nach Hause kommen. Die untergehende Sonne warf bereits lange Schatten, als Dorwen den kiesgestreuten Weg zum Haus betrat.
Eigentlich wollte sie nicht unbedingt jemandem über den Weg laufen, daher beschloß sie kurzerhand, den Dienstboteneingang zu benutzen. Sie kam an der Küche vorbei und ihr fiel auf, daß sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß der Raum leer war, huschte sie schnell hinein und holte sich etwas Brot, Käse, kaltes Fleisch und einen Krug Milch. Sie drückte ihre Beute an sich und eilte in den Speiseraum. Dort hielt sich um diese Zeit nie jemand auf, das kalte Abendmahl nahm ihr Vater immer in seinem Studierzimmer ein, und sie leistete ihm normalerweise dabei Gesellschaft.
Erleichtert schloß sie die Türe hinter sich, stellte das Essen auf dem Tisch ab und bemerkte erst dann den Gildenmeister. Ganred saß auf einem der Stühle in einer dunklen Ecke. Dorwen fühlte sich gefangen, obwohl sie natürlich jederzeit das Zimmer verlassen konnte – oder nicht?
Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich dann an den Tisch, wobei sie versuchte, Ganred zu ignorieren.
Wenn der Gildenmeister sich dadurch gekränkt fühlte, ließ er es sich nicht anmerken. Er kam zum Tisch herüber und setzte sich.
»Ich möchte Euch nicht stören, aber es gibt einige Dinge, die ich gerne mit Euch besprechen würde. Wenn es Euch nichts ausmacht, natürlich.«
Wie gerne hätte Dorwen ihm eine schnippische Erwiderung ins Gesicht geschleudert. Aber leider hatte Ganred keine solche Reaktion herausgefordert, also nickte Dorwen nur und setzte ihr Mahl fort. Sie setze eine abweisende und kühle Miene auf, um Ganred zu verstehen zu geben, wie ungelegen ihr diese Unterhaltung kam.

Es amüsierte Ganred, daß Dorwen sich ihm gegenüber immer sehr hoheitsvoll gab. Sie war auf keinen Fall jemand, der sich von einer ungewohnten Situation schnell einschüchtern ließ. Sehr vielversprechend, das hatte er bereits bei ihrer gestrigen Begegnung gedacht.
Formbar, aber nicht zu nachgiebig, was auch gut war, sonst hätte sie in der Gilde keinen leichten Stand. Außerdem wußte sie sich zu benehmen und hatte offensichtlich eine gute Erziehung genossen. Ob es Daian gefiel oder nicht, seine Tochter würde für die Gilde einen große Bereicherung sein.
Ganreds Schweigen machte Dorwen nervös. Wollte er nicht mit ihr sprechen? So wichtig konnte es ihm dann ja nicht sein, obwohl sie ahnte, worum es ging. Sie beendet ihr Mahl und begann dann, ihr Geschirr zusammen zu räumen, was Ganred endlich zu einer Reaktion bewog.
»Ich war in Gedanken, verzeiht. – Vielleicht wollen wir uns lieber in der Bibliothek unterhalten?«
Dorwen nickte schweigend und brachte das Geschirr in die Küche. Als sie zur Bibliothek kam, wartete Ganred vor der Tür auf sie. Er folgte ihr in den Raum, der nur vom Feuer und eine gedimmten Lampe etwas erhellt wurde.
Dorwen ging zu ihrem Sessel und setzte sich. Dann wies sie auf den gegenüberliegenden Sessel und sagte: »Bitte, nehmt doch Platz.«
Der Gildenmeister kam der Aufforderung nach und schlug bequem die Beine übereinander. Seine Haltung drückte eine Überlegenheit aus, die Dorwen irritierte und das wiederum ärgerte sie. Immerhin wollte er etwas von ihr, nicht umgekehrt. Er schien darauf zu warten, daß sie etwas sagte, aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun.
Sie blieb ebenfalls stumm, die Hände leicht auf die Armlehnen des Sessels gelegt und taxierte Ganred mit einem kühlen Blick. Sie wußte daß viele Leute ihre hellgrünen Augen als unangenehm empfanden und früher oder später ein Gespräch begannen, um dem Blick ausweichen zu können.
Entweder entschied der Gildenmeister sich, dieses Spielchen zu beenden, oder Dorwen hatte tatsächlich Erfolg. Genau konnte sie es nicht einschätzen, aber Ganred brach als erster das Schweigen.
»Ihr wollt mich wieder los sein, nicht wahr? Ich bringe Unfrieden in Eure heile kleine Welt und Ihr wünscht mich meilenweit fort.«
Dorwen wollte aufbegehren, aber eine Geste Ganreds ließ sie schweigen. Der Gildenmeister fuhr fort: »Ich kann Euch versichern, daß ich weder für Euch, noch Euren Vater eine Bedrohung darstelle. Eure Sicherheit zu gewährleisten ist einer der Gründe, aus denen der Rat mich hergesandt hat. - Euer Vater hat Euch gut unterrichtet, daher sagt Euch der Name Die Hand von Dherrin sicher etwas.«
Ganred unterbrach sich, um Dorwen die Gelegenheit zu einer Bemerkung zu geben, aber sie schaute ihn nur stumm an. War ihr Schweigen eine Trotzreaktion, oder ihre Art zu zeigen, daß sie ihm aufmerksam zuhörte? Er räusperte sich irritiert und sprach dann weiter: »Die Hand ist in den letzten Jahren stetig einlußreicher geworden, sehr zu unserem Leidwesen. In den südlichen Fürstentümern finden ihre raffinierten Einflüsterungen großen Anklang. Lediglich die Bemühungen unserer Verbündeten halten einige der Hitzköpfe dort noch im Zaum. Leider kennen wir weder die Hintermänner, noch wissen wir wo ihre Schlupfwinkel sind. Aber das sie ihre Kundschafter überall haben, auch hier in Havenjard, ist ganz sicher.«
Ganred setzte sich auf und schaute Dorwen eindringlich an. »Ihr fragt Euch, warum ich Euch das alles erzähle und was Ihr damit zu tun habt. Diese Frage lässt sich leicht beantworten. Die Hand hat großes Interesse an Begabten, wie Ihr es seid.&xnbsp;Junge Talente, die noch nicht unter dem Schutz der Gilde stehen, um sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Aus diesem Grund muß ich Euch so schnell es möglich ist nach Rha’herell bringen, denn erst im dortigen Gildenhaus seid Ihr wirklich in Sicherheit. Sollte die Hand Euch hier entdecken, werden sie alles daran setzen, Euch für sich zu vereinnahmen. Und sie sind nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel, das kann ich Euch versichern. Solange Ihr hier bleibt, seid nicht nur Ihr in Gefahr, sondern alle um Euch herum ebenfalls.«
Ganred lehnte sich wieder zurück und ließ die Bedeutung seiner Worte auf seine Zuhörerin wirken.

Dorwen war wie betäubt. Sie, eine Gefahr für andere? Die Hand sollte Interesse an ihr haben?
Wie gerne wollte sie Ganreds Worte als Lüge abtun. Aber etwas an der Art, wie er sprach, überzeugte sie von seiner Aufrichtigkeit. Natürlich war alles noch weitaus komplizierter als Ganred es geschildert hatte, das konnte sie sich aus dem, was er nicht gesagt hatte zusammenreimen. Dorwen ließ sich in den Sessel zurücksinken und schaute eine Weile dem Flackern des Feuers zu. Sie wartete auf eine rettende Idee, den Einfall, der sie aus dieser ganzen Situation herausholen konnte, aber sie wußte bereits, daß es für sie nur eine Möglichkeit gab. Auch wenn sie sich dagegen auflehnen würde, letztendlich mußte sie sich in das Unvermeidliche fügen.
Sie erhob sich und blickte Ganred fest in die Augen, als sie endlich sprach: »Meister Ganred, meine Sicherheit liegt in Euren Händen. Ich kann diese Bürde nicht länger meinem Vater auferlegen. Wann wollt Ihr aufbrechen?«

»Und du bist dir ganz sicher, Dorwen?« Daian blickte einwenig zweifelnd von seiner Tochter zu Ganred, aber als dieser ein leichtes Nicken andeutete, wußte er daß Dorwen sich frei entschieden hatte.
Außerdem kannte er seine Tochter. Sie ließ sich nicht zu etwas überreden, man mußte sie überzeugen.
Auch wenn der Hauch eines Zweifels blieb und sich auch nicht so einfach vertreiben ließ, konnte Daian eine gewisse Erleichterung nicht unterdrücken. Daß seine Tochter Ganred bereitwillig folgen wollte, nahm ihm eine große Last von der Seele.
Nun jedoch war Eile geboten, sie durften nicht zu lange mit ihrem Aufbruch warten. Daian wollte gerade darauf hinweisen, als ihm Ganred zuvor kam.
»Wenn nun also dies geklärt ist, sollten wir unverzüglich mit der Planung beschäftigen. Es ist unerlässlich, daß wir in wenigen Tagen abreisen können.«
Damit war Daian in seinem Element. Er forderte die beiden auf, ihm in die Bibliothek zu folgen. Dort breitete er seine nicht unerhebliche Sammlung von Karten der Landstriche zwischen Havenjard und Rha'herell aus und sehr bald waren die drei in die Reiseplanung vertieft.
Obwohl Daian seine Tochter von Zeit zu Zeit aus den Augenwinkeln beobachtet, konnte er doch nichts anderes, als interessierte Aufmerksamkeit bemerken. Entweder hatte sie sich mit der Vorstellung Havenjard zu verlassen tatsächlich angefreundet, oder aber ein ungeahntes Talent darin entwickelt, sich vor ihm zu verstellen.

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